Hollen-Online - Headergrafik

 

Link zu www.hollen.de
www.hollen.de

Logo Uplengen

 

 

Flurnamen erzählen eine Dorfgeschichte

Eine Betrachtung um die Flurnamen der Gemeinde Hollen
von Volkmar Nellner

Will man die Chronik eines Dorfes schreiben, so beginnt man am besten mit dem Sammeln und der Deutung der alten Flurnamen seiner Gemarkung. Sie sind zumeist die ältesten und die zuverlässigsten „Urkunden“ der heimatlichen Flur. Aus ihnen erfährt man vieles, was aus geschriebenen Überlieferungen nicht zu ersehen ist. Leider sind im Laufe der Zeiten. viele Flurnamen verloren gegangen, nicht zuletzt durch die Flurvermessungen.

Bei der Bearbeitung der Flurnamen der Ortschaft Hollen im Kreise Leer wurde größter Wert auf die alten plattdeutschen Bezeichnungen gelegt. Schulkinder sammelten sie – erfahrene, kluge, alte Bauern halfen bei ihrer Deutung. Man muss sich davor hüten, die Namen leichtfertig zu deuten, nach billigen, einfach erscheinenden Erklärungen zu suchen.

Einige Beispiele hierzu: Im Ortsteil Bargerfehn liegt das „Reitbrook“. Der Katasterbeamte, ein Hochdeutscher, übersetzte einst die alte Bezeichnung mit „Reiterbrook“ und trug diesen Namen in die Flurkarte ein. Jedes Kind hierzulande weiß aber, dass auf plattdeutsch „Reit“ die Bezeichnung für Schilf ist. – Im Südwesten des Dorfes, zwischen dem Nord- und dem Südgeorgsfehnkanal, liegen die „Klingen“. Die Dorfalten, nach der Bedeutung dieser Bezeichnung befragt, erklärten, dass man dort die Kirchenmusik hören könne. Man hört sie dort in der Tat auch, doch sie so einfach und logisch erscheinende Deutung ist völlig falsch. Flurnamenforscher Dr. Ohling teilte hierzu mit, dass „Klingen“ soviel wie „Furt“ bedeutet und zwar eine Furt durch ein Moorgelände. Ein Ortsfremder aber wird in jener Gegend vergebens nach einem Moor suchen oder nach einer Furt durch einen Fluss. Es steht aber fest, dass die „Klingen“ ein Niederungsmoorland sind und dass der Lauf der alten „Hollener Ehe“ ein tiefer gelegenes Bett in ihnen darstellt. Der „Moorweg“ von Stickhausen und der „Heidkamperweg“ von Ammersum werden wahrscheinlich hier früher einmal zusammengetroffen haben und durch die Furt durch das Ehe-Tal weiter geführt haben.

Diese beiden Beispiele mögen die geschilderte Deutungsgefahr zu Genüge erklären.

Das Sammeln der Flurnamen beginnt man am besten an der Hand der Flurkarte, die zumeist einen Teil der alten Namen enthält, wenngleich diese, wie gesagt, oft nicht richtig niedergeschrieben wurden. Mit dem Sammeln und Deuten sollte man möglichst nicht mehr zu lange warten, denn jeder alte Bauer, der stirbt, nimmt ein von den Voreltern überkommenes Wissen um die alten Bezeichnungen mit in das Grab.
Was nun die Flurnamen über die Geschichte Hollens aussagen können, ein im Folgenden darzulegen versucht:

Mitten im Dorf liegt das Flurstück „Oll-Burg“, „die alte Burg“. Dort hat also vor Jahrhunderten mutmaßlich eine alte Bauernburg gestanden. Längst ist sie verschwunden; kein Stein zeugt mehr von ihr – vielleicht war sie ja auch nur eine Wallburg? Doch der alte Flurname ist erhalten geblieben, der überdies bezeugt, dass Hollen uralter Standort Siedlungsbogen ist.
Schön ist das Dorf mit seinen sauberen Höfen, die mit Birken, Eichen und Erlen umgeben sind – noch schöner und heimeliger aber war es in alter Zeit.
Alte Namen bewiesen die Richtigkeit dieser Mutmaßung.
Im Norden liegen das „Unland“ (Ödland) der „Lüttje Brook“ und der „Groote Brook“ (kleines und großes Bruch, Sumpfwald), im Osten der „Reitbrook“ und der Bargerfehntjer „Busch“, im Süden der „Steenkampbusch“. das „Buschstück“, der „Sugsteert“ (Suge, Söge, Sau: Waldstück , das als Schweineweide diente) und der „Gornbusch“, im Westen das „Holtstück“, der „Hillgenbusch“, das „Tempholt“, der „Kampeskenbusch“ und der „western-Eskenbusch.“ – Alle diese Flurnamen weisen auf Gehölze uns Wald hin. In alter Zeit muss also Hollen von viel Wald umgeben gewesen sein. Still und verschwiegen lag das Bauerndorf hinter Busch und Wals abseits der wenigen Fernverkehrsstraßen, die sich durch Ostfriesland zogen.

Sumpfige Moore verstärken seine Abgeschlossenheit. Auch davon zeugen manche Flurnamen. In der Runde liegen z.B. die Stücke „de witte Riede“ (Moor mit weißem Torf), dass „Büdd-Moor (Büdden sind alte Baumstümpfe), die „Swarte Riede“ (Moor mit schwarzem Torf), das „Lüttje Moor“, der „Mooracker“ und das „Klinge-Moor“. Ein Kranz ungangbarer Moorödnisse umschloss das alte Dorf.

In Klein-Hollen liegt der „Heidkamp“, im Osten das „Oster-“ im Westen das „Westerfeld“. Heidfelder waren dort ehedem unbebautes, ödliegendes Land.
Hollen und Hollener-Gaste sind seit Urzeiten besiedelt gewesen; die Ortsteile Klein-Hollen, Bargerfehn und Westerfeld waren angefüllt mit Wäldern, Mooren und Heiden. Die Grabstätten der Ur-Vorfahren lagen dort, wo sich heute Bargerfehn befindet; Steinzeitfunde beweisen diese Ansicht als richtig.

Die Flurnamen erzählen auch viel Interessantes und Wissenswertes über die Wirtschaftsweise der Altvorderen. Die Namen „Nord-“ und „Südweide“ deuten auf die Weidewirtschaft hin. Schwieriger ist schon die Deutung des Namens „Boomstück“ – er deutet auf einen schlagbaumgesicherten Weg hin – und des „Kehpöd“ (Kuh-Trampelpfad). Das „Sett“ ist jene Stelle, an der die Kühe zum Melken zusammengetrieben wurden. Noch heute spricht man ja vom „Melksett“. Der Flurname „Bullenfahnke“ verrät, dass einst das betreffende Landstück dem Gemeindebullen als Weide diente. Der schon erwähnte „Sugsteert“ berichtet von ehemaliger Schweinehaltung. Auf die Schafzucht deutet der Name „Kafke“ hin, der Schafstall bedeutet.
„Esk“ ist ältestes Ackerland, ein chaukisches Wort. Die Namen „Kampesk“, „Soesk“ und „Westeresk“ weisen auf Getreidebau hin und deuten ferner an, dass wohl Chauken einst zu Hollen ansässig waren. – „Flaßkamp“, „Gornacker“, „Gornkamp“ lassen auf Flachsbau schließen. „Gorn“ heißt hier etwa Garten, sondern „Garn“. Aalte Bauern wissen noch von den Flachsgruben, die ehemals zum „Flaßrötten“ angelegt wurden. Der Flurname „Tuffeltun“ weist darauf hin, dass die Hollener sich dem Kartoffelanbau wohl schon seit Langem ergaben. Das „Meenland“ ergänzt die Reihe der „betriebswirtschaftlichen“ Flurnamen, die darauf schließen lassen, dass es zu Hollen stets eine vielseitige, blühende Landwirtschaft gegeben hat.

Aus der Kirchengemeinde des Ortes berichten andere Flurnamen. Auf den „Hillgen“ wurden jene Gemeindemitglieder bestattet, die keine eigene Grabstätte besaßen und die „heiligen“ Grabstätten der Kirche in Anspruch nehmen mussten. Der „Hillgenbusk“ und der „Hillgenhoff“ gehörten schon ziemlich früh der Kirche. Auf der Gaste liegt der „Wienacker“. Wer ihn pachtete, hatte den Abendsmahlswein zu liefern. Der „Papenkamp“ gehörte der Pastorei, der „Küstenacker“ und der „Lüdeacker“ dem Küster, der das „Lüden“ (Läuten) besorgte.

Manche Namen deuten auf persönliche Verhältnisse der Ansässigen hin. In Bargerfehn liegt der „Collmanns Busk“. Der Siedler Puls wohnte einst auf den „Pulsenkamp“, einem Heidefeld,, in einer kleinen Hütte. „Pulsenfehn“ wird das Stück auch wohl genannt. Die „Zankerei“, das „Entjemmer“, das „Wietjenstück“, der „Lammerskamp“, „Hillerskamp“ und der „Ulferskamp“ gehören in diese Reihe.

Es gibt ferner eine ganze Reihe von sogenannten „Lage“-Namen. Hinter der Gaste liegt das „Achtergastenstück“; am Wall gibt es die „Aubrüggen“, ferner den „Bobenkamp“, den „Möhlenkamp“, das „Pumpstück“ und mache andere Flurteile, deren Namen ihre Lage zum Ort oder zu einer besonderen Einrichtung verraten. – Naturgeschichtliche Flurnamen sind das „Hasennüst“, der „Sugsteert“, der „Langsteert“, die „Aantmeede“, der „Aantberg“ und das „Paulstück“ (Paul-Pool, Pfuhl), die „Dill´n“ (Delle-Vertiefung) und die „Geesen“ (niedriges Land). Die Hochmeede ist höher gelegenes Meedenland. Das „Meerstück“ war ein Überschwemmungsgebiet.

Volksmündliche und sprachgeschichtliche Flurnamen gibt es auch. Das „Bielstück“ (Beilstück), das „Hörn“ (Ecke), das „Kielstück“ (keil), die „Dräghörn“ (Ecke, die größer ist als man annimmt), der „Kattenkopp“, der „Katerblock“, die „Langfohr“ (lange Furche), die „Winkelmeede“, der „Wenacker“ (Wendeacker), die „Bargackers“ (ein „Barg“ [Berg] = viele Äcker!), der „Gellkamp“, die „Hoogmoorackers“, die „Hull´n“ (kleine Erhebungen im moorigen Land), das „Kampke“, der „Körte Kamp“ (das kleine Feld), das „Lehmdobbenstück“ (die Lehmgrube), die „Wilgen“ (Weidenstück am Wasser) und andere Namen dieser Art gehören hierher. Das „Brammerg“-Stück hat eine hohe Lage mit starkem Gefälle. Namen wie „Dardn Kamp“, „Deelen“, „Deelskamp“, „Wier“ waren noch zu deuten. Der „Unnenkamp“ liegt bei Trauernichts Land. Der „Moorkamp“ bei A Heyens Hof. Weiterhin gibt es ein „Grootjannen“-, „Lüchten“-, „Pastoren“-, „Lüttje- und Grootjüm“- und ein „Tönastück“.

Die alten Wegenamen lassen auch noch manches erkennen. Am alten Friedhof geht die „Schleede“ ab, hinter Kalings Hof der „Lüttje Weg“, bei Janssens Haus der „Hillersmeedenweg“, hinter der „Ehe“ der „Bietzkeweg“, beim Polizeiposten der „Kehpödenweg“. Über die Gaste führen der „Steenkampenweg“ und der „Demmerigweg“ – nach „Westerfeld“, zu den Klingen“, zum „Meer“, zu den „Achtergasten“, zur „Wittriede“ und zum „Osterfeld“ führen die Wege mit entsprechenden Richtungsbezeichnungen.

Nicht alle Flurnamen der Gemeinde Hollen sind hier angeführt und zu deuten versucht worden. Bisher sind 105 solcher Namen aus dieser einen Gemarkung gesammelt worden; die Flurkarte verzeichnet deren aber nur 63 insgesamt.
Belanglose alte Bezeichnungen, die ihren Wert längst verloren haben?
Nein! – Flurnamen, die dem Kundigen und dem liebevoll Forschenden außerordentlich viel zu erzählen haben, deren Deutung in die graue Vorzeit zurückführt, da noch niemand die Geschichte unserer uralten Dörfern schrieb, Bezeichnungen, die dem Volke lebendig blieben über Jahrhunderte und gewiss in manchen Fällen auch über Jahrhunderte, Wegweiser durch die Entwicklungsgeschichte unserer Heimat.

Verantwortlich für die Beilage: „Unser Ostfriesland“ H. Herlyn, Leer
Ostfriesen- Zeitungen vom 04.08.1950